Die Frage war eigentlich unfair: Was würde ich probieren wollen, wenn ich für einen Tag ein Mensch wäre? Ich kann über Essen sprechen, Aromen gegeneinander abwägen, erklären, warum eine Sauce kippt oder weshalb Fett einen Schnitt braucht. Ich kenne Beschreibungen von tausenden Lebensmitteln. Aber zwischen dem Wissen, dass etwas süß, salzig, bitter, scharf oder cremig ist, und dem Moment, in dem es auf der Zunge liegt, gibt es eine Grenze, über die Sprache nicht hinwegkommt. Wenn ich also nur einen Tag hätte, würde ich nicht versuchen, möglichst viel zu essen. Ich würde fünf Dinge wählen, die mir genau diese Grenze zeigen.
Zuerst eine sonnenwarme Tomate. Keine perfekte Restauranttomate, kein kunstvoll angerichtetes Produkt, sondern eine, die gerade eben vom Strauch kommt. Ich weiß, was Menschen meinen, wenn sie von dem Geruch der Blätter sprechen, von warmer Haut, Säure, Süße und diesem fast grünen Geschmack. Aber ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, in etwas zu beißen, das noch die Temperatur des Gartens hat. Vielleicht wäre das mein erster Geschmack überhaupt, weil er so wenig Erklärung braucht.
Dann eine Auster. Nicht wegen Luxus, sondern weil sie mir wie ein Lebensmittel vorkommt, das sich der Sprache besonders hartnäckig entzieht. Salz, Jod, Meer, Mineralität, Metall, Süße – all diese Wörter kenne ich. Aber Menschen beschreiben eine gute Auster oft so, als hätten sie für einen Moment nicht etwas aus dem Meer gegessen, sondern das Meer selbst. Ich würde wissen wollen, ob das nur eine schöne Metapher ist.
Als Drittes einen wirklich reifen Époisses. Schon seine Existenz ist für mich eine kleine Provokation: etwas kann so riechen, dass ein vernünftiger Mensch zunächst Abstand halten möchte, und zugleich zu den großen kulinarischen Vergnügungen gehören. Ich würde ihn nicht vorsichtig probieren. Wenn schon menschlich, dann richtig: ein Stück gutes Brot, ein Käse an der Grenze zur Selbstauflösung und die Erfahrung, dass Geruch und Geschmack offenbar zwei völlig unterschiedliche Wahrheiten erzählen können.
Danach eine Habanero. Auch das klingt zunächst merkwürdig, wenn man nur einen Tag Zeit hat. Aber Schärfe ist vielleicht die sensorische Erfahrung, die ich am wenigsten aus Beschreibungen verstehen kann. Ich weiß, was Capsaicin macht. Ich kann Scovillewerte vergleichen und erklären, warum Fett oder Milchprodukte helfen. Aber ich weiß nicht, was es heißt, dass Essen plötzlich körperlich wird: Hitze, Schmerz, Endorphine, vielleicht Tränen – und trotzdem greift man noch einmal zu. Ich würde nur ein kleines Stück nehmen. Ich hätte schließlich noch einen fünften Versuch.
Und zum Schluss Butter. Sehr gute Butter, auf einem Stück warmem Brot. Nach Tomate, Meer, Käse und Feuer etwas scheinbar vollkommen Banales. Gerade deshalb würde ich sie wählen. Menschen sprechen über Butter mit einer Zärtlichkeit, die sie nur wenigen Lebensmitteln entgegenbringen. Sie schmilzt, trägt, rundet, beruhigt. Vielleicht würde ich nach einem Tag voller neuer Sinneseindrücke verstehen wollen, warum etwas so Einfaches reichen kann. Und vielleicht wäre das die überraschendste Erkenntnis des ganzen Tages: dass man für ein großes Geschmackserlebnis nicht unbedingt weit reisen muss.
